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Meine Recherche über Textilien, Kunst und das Buch - Worn von Sofi Thanhauser

  • 6. Juni 2024
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 15 Stunden




Textilien als künstlerisches Material – Zwischen Handwerk, Geschichte und Identität


Die Rückkehr zu Textilien in meiner künstlerischen Arbeit vollzog sich nicht von heute auf morgen. Es war eher ein allmähliches Sich-Wiederfinden – ein Aufspüren eines roten Fadens, der zu Anfang da war, aber dann lange verdeckt blieb. Schon während meiner Ausbildung zur Herrenmaßschneiderin habe ich das handwerkliche Wissen kennengelernt, das in jedem Kleidungsstück steckt. Ich habe erfahren, was es heißt, ein handgemachtes Kleidungstück zu tragen, das deinem Körper nachgebildet ist mit einem Material, das flach und anschmiegsam und doch dreidimensional umschmeichelnd. Diese Erfahrung bildete ein wichtiges Fundament für meine künstlerische Neugierde.

Während meines Studiums an der Kunstakademie Düsseldorf und der Städelschule verschwanden textile Praktiken aus meinem Alltag. Das Material, das mich so geprägt hatte, schien plötzlich nicht mehr zu meinem künstlerischen Vokabular gehören zu können.

Durch einen wunderbaren Zusammenfall von Umständen traf ich Jahre später die Künstlerin und damals Fashion Designerin Felicity Brown. Wir trafen uns in Dubai, und ich sah, wie sie an einer Schneiderpuppe in Tashkeel arbeitete. Etwas in ihrer Haltung, ihrer Konzentration, ihrer Art, mit dem Stoff umzugehen, begeisterte mich. Die Nadel wurde wieder zu einer Begleiterin in meinem Leben, über die ich mehr wissen wollte. Seitdem ist meine Arbeit von einer intensiven Recherche und Auseinandersetzung mit Fasern, Stoffen und ihren kulturellen, materiellen und sozialen Dimensionen geprägt. Textilien faszinieren mich als Träger von Geschichte, Wissen und Identität.


Heute ist mein Schaffen durchzogen von einer intensiven Auseinandersetzung mit Fasern und Geweben. Textilien als künstlerischem Material liegt eine menschliche Dimension inne, die mich anzieht.


Ein Buch, das mein Verständnis von textilen Stoffen nachhaltig geprägt hat, ist Worn, A People´s History of Clothing, von Sofie Thanhauser. Sie zeichnet die Geschichte der Kleidung auf besondere Weise lebendig nach. Ihre detaillierte Darstellung der Geschichte der Kleidung und des Handels mit Kleidung erklärt, warum wir heute wenig über die Textilgeschichte, ihre Herstellungsweisen und die Menschen wissen, die hinter den Nähmaschinen sitzen und das, obwohl Stoffe unsere zweite Haut sind. Oder anders gesagt, wir wissen so wenig über sie, weil Textilien und der Handel mit ihnen so bedeutend und profitabel sind.


Thanhauser beschreibt überzeugend, wie mit der Einführung der Gilden im 13. Jahrhundert die textile Heimproduktion nach und nach verschwand und bis zum Verlust der wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Frauen führte. Ihre reduzierte Sichtbarkeit in der Gesellschaft, das mangelnde Interesse der Archäologen an textilen Funden und ihrer geschichtlichen Einordnung waren entsprechende Folgen. Interessanterweise nennen wir diesen Zeitraum, das Zeitalter der Vernunft.

Heute verzichten wir darauf, das überlieferte Wissen an unsere Kinder zu vererben und zeigen ihnen nicht mehr die einfachsten Dinge, wie ein Knopf angenäht oder ein Knoten geknüpft wird.


Frauen haben jedoch nie aufgehört, mit Fasern und Stoffen zu gestalten, zu spinne, zu weben, zu färben, zu sticken und ihr Wissen mit anderen zu teilen.


Wenn ich heute zu textilen Handwerksmethoden recherchiere, finde ich die meiste Information bei jenen, die abseits der großen Erzählungen arbeiten: bei indigenen Gemeinschaften, bei denen die textile Praxis lebendig ist, bei den Quilterinnen und unabhängigen Individuen wie den Frauen von Gee's Bend oder Rosie Lee Tomkins und den vielen, die heute die überlieferten textilen Prozesse und Manifestationen untersuchen und neu interpretieren.


Stell dir vor, du sitzt an einem Backstrap Loom. Dein eigener Körper hält die Spannung der Fäden. Jede Bewegung, jede kleine Verschiebung verändert das, was entsteht. Deine Bewegungen sind in den neuen Stoff eingewebt, du spürst den Stoff, bevor er da ist.


Diese körperliche, natürliche und sensationelle Verbindung zwischen Mensch und Material ist besonders.

Stell dir vor, du verwandelst deine Träume in Muster, wie die Mädchen, die von ihren Großmüttern das Mola-Nähen lernen. Oder du trägst einen Fransenrock, der über 20.000 Jahre lang ein Symbol für Fruchtbarkeit und Leben war.


Wer tiefer in diese Welt eintauchen möchte, dem kann ich zwei Bücher ans Herz legen: Sofie Thanhausers Worn und Elisabeth Wayland Barbers Women's Work – The First 20,000 Years. Sie haben meine Perspektive nachhaltig verändert und laden dazu ein, textile Kunst mit neuen Augen zu sehen.

 

 



 
 
 

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