Meine Recherche über Textilien, Kunst und das Buch - Worn von Sofi Thanhauser
- 6. Juni 2024
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Juli

Textilien als künstlerisches Material – Zwischen Handwerk, Geschichte und Identität
Die Rückkehr zu Textilien in meiner künstlerischen Arbeit vollzog sich nicht von heute auf morgen. Es war ein allmähliches Sich-Wiederfinden – ein Aufspüren eines roten Fadens, der zu Anfang da war, dann lange verdeckt blieb. Schon während meiner Ausbildung zur Herrenmaßschneiderin habe ich das handwerkliche Wissen kennengelernt, das in jedem Kleidungsstück steckt. Ich habe erfahren, was es heißt, ein handgemachtes Kleidungstück zu tragen, das mit einem Material deinen Körper nachgebildet, das flach und anschmiegsam und doch dreidimensional umschmeichelnd ist. Diese Erfahrung bildete ein wichtiges Fundament für meine künstlerische Neugierde.
Während meines Studiums an der Kunstakademie Düsseldorf und der Städelschule Frankfurt verschwanden textile Praktiken aus meinem Alltag. Das Material, das mich geprägt hatte, schien plötzlich nicht mehr zu meinem künstlerischen Vokabular gehören zu können.
Durch einen wunderbaren Zusammenfall von Umständen traf ich Jahre später die Künstlerin und damalige Fashion Designerin Felicity Brown. Wir trafen uns in Dubai, und ich sah, wie sie an einer Schneiderpuppe in Tashkeel arbeitete. Etwas in ihrer Haltung, ihrer Konzentration, ihrer Art, mit dem Stoff umzugehen, begeisterte mich. Wir mochten uns und sie auch meine auch meine Malerei und so begannen wir zusammen zu arbeiten. Die Nadel wurde wieder zu einer Begleiterin in meinem Leben, über die ich mehr wissen wollte. Seitdem recherchiere ich intensiv über textile Handwerke aus aller Welt, über Fasern, Stoffoberflächen und ihre kulturellen, materiellen und sozialen Dimensionen. Textilien faszinieren mich als Träger von Geschichte, Wissen und Identität.
Heute ist mein Schaffen durchzogen von einer intensiven Auseinandersetzung mit Fasern und Geweben. Textilien als künstlerischem Material liegt eine natürliche und soziale Dimension inne, die mich anzieht.
Ein Buch, das mein Verständnis von textilen Stoffen nachhaltig geprägt hat, ist Worn, A People´s History of Clothing, von Sofie Thanhauser. In ihm zeichnet sie die Geschichte der Kleidung lebendig nach. Ihre detaillierte Darstellung der Geschichte der Kleidung und des Handels mit Kleidung erklärt, warum wir heute wenig über die Textilgeschichte, ihre Herstellungsweisen und die Menschen wissen, die hinter den Nähmaschinen sitzen und das, obwohl Stoffe unsere zweite Haut sind. Oder anders gesagt, wir wissen so wenig über sie, weil Textilien und der Handel mit ihnen so bedeutend und profitabel sind.
Thanhauser beschreibt überzeugend, wie seit der Einführung der Gilden im 13. Jahrhundert die textile Heimproduktion mehr und mehr verschwand und bis zum fast gänzlichen Verlust der wirtschaftlichen und rechtlichen Unabhängigkeit der Frauen führte. Die reduzierte Sichtbarkeit der Frauen in der Gesellschaft, das mangelnde Interesse der Archäologen an textilen Funden und die fehlerhafte geschichtlichen Einordnungen der textilen Kulturgeschichte waren entsprechende Folgen. Interessanterweise nennen wir den Zeitraum, in denen Frauen mehr und mehr benachteiligt wurden, das Zeitalter der Vernunft.
Heute verzichten wir darauf, das überlieferte Wissen dieses kulturellen Erbes an unsere Kinder weiterzugeben. Viele Kinder können heute keine Schleifen binden und ihre Eltern keinen Knopf annähen, um bei einfachen Beispielen zu bleiben.
Frauen haben trotz aller Widerstände und in der Privatsphäre ihrer eigenen vier Wände nie aufgehört, mit Fasern und Stoffen zu gestalten, zu spinnen, filzen und zu weben, zu färben, zu sticken und zu stricken und dabei zu plaudern und ihr Wissen mit anderen zu teilen.
Wenn ich heute zu textilen Handwerksmethoden recherchiere, finde ich die meiste Information bei jenen, die abseits der großen Erzählungen arbeiten: bei indigenen Gemeinschaften, bei denen die textile Praxis lebendig ist, bei Quilterinnen und unabhängigen Individuen wie den Frauen von Gee's Bend oder Rosie Lee Tomkins und den vielen, die heute die überlieferten textilen Prozesse und Manifestationen untersuchen und neu interpretieren.
Stell dir vor, du sitzt an einem Backstrap Loom. Dein Körper hält die Spannung der Fäden. Jede Bewegung, jede kleine Verschiebung verändert das, was entsteht. Deine Bewegungen sind in den neuen Stoff eingewebt, du spürst den Stoff, bevor er da ist.
Stell dir vor, du verwandelst deine Träume in Muster, wie die Mädchen in Panama, die von ihren Großmüttern lernen wie Molas gestaltet und genäht werden. Oder du trägst einen Fransenrock, der über 20.000 Jahre lang ein Symbol für Fruchtbarkeit und Leben war, oder Fransen überhaupt.
Wer tiefer in diese Welt eintauchen möchte, dem kann ich zwei Bücher ans Herz legen: Sofi Thanhausers: Worn und Elisabeth Wayland Barbers: Women's Work – The First 20,000 Years. Beide Bücher haben meine Perspektive nachhaltig verändert und laden dazu ein, unsere Kleidung, die textilen Erfindungn tund die textile Künste mit neuen Augen zu sehen.



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