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Meine Recherche über textile Künste - Worn

Aktualisiert: 10. Feb.




In den letzten Jahren habe ich viel Zeit damit verbracht, Textilien besser zu verstehen, ihr Formenvokabular, ihre manuellen Produktionsprozesse und ihre kulturellen und soziologischen Hintergründe.


Es begann 2015 mit der Einladung an Felicity Brown, in meinem Atelier in Frankfurt über ihre Arbeit zu sprechen. Ich lernte sie in Dubai kennen und träumte seither davon, mit ihr zusammenzuarbeiten. Ich bin sehr dankbar, dass mein Traum wahr geworden ist.


Seitdem konnte ich nicht aufhören zum Thema Textil zu recherchieren und auch die Prozesse auszuprobieren. So wuchs meine Bibliothek und auch meine Sammlung an Werkzeugen, Webrahmen, Handspindeln, Nadeln, Fasern, Garnen und Stoffen und Teilnahmen an Workshops.

In der Retrospektive wunder ich mich darüber, dass ich Textil als künstlerisches Material aus den Augen verlieren konnte, schließlich war das mein anfängliches Interesse.

Nach der Schule wollte ich Fashion Designerin werden und auch damals musste ich erst das Handwerk dazu lernen. Während meine Herrenschneiderlehre in der ausgezeichneten Maßschneiderei Schmidt im Sauerland, änderte ich meinen Wunsch zur Kostümbildnerin am Theater und Oper. Mein Weg führte erst nach Dortmund, wo ich als Herrenschneiderin und dann als Kostüm- und Bühnenbildassistentin arbeitete. Dann in meiner Zeit an der Kunstakademie in Düsseldorf, wo es eine Bühnenbildklasse gibt, verschwand Textil als künstlerisches Material aus dem Blick. Niemand nähte, webte oder nutze es sonst für künstlerische Prozesse. Und ich vergaß.

 

Heute erscheint es mir meine Recherchezeit als völlig gerechtfertigt. Vor allem nach der Lektüre des fantastischen Buches Worn von Sofie Thanhauser von 2022. Sie beschreibt die Geschichte der Kleidung in einer Weise, von der ich die Erkenntnis gewonnen habe, warum wir, obwohl wir in Kleidern leben, kaum etwas über ihre wirtschaftliche und kulturgeschichtliche Bedeutung wissen und auch warum wir die Prozesse der Herstellung der Industrie überlassen haben, mit den enormen Konsequenzen für uns als Menschen und für die Natur.


In jedem Fall bin ich sehr froh, dieses Buch gefunden zu haben! Die Tatsachen finden ihren Platz im Großen und Ganzen. Wenn ich vor einem Jahr noch dachte, ich kann es mir nicht leisten, meine kostbare Zeit für weniger Wichtiges und Interessantes aufzuwenden, weiß ich nun, warum ich meine Zeit nicht besser hätte investieren können!

 

Seit der Steinzeit fand die textile Produktion ausschließlich zu Hause stattfand und wurde von Frauen beherrscht. Der Untergang der Wertschätzung dieser textilen Handarbeit in der westlichen Welt begann im 13. Jahrhundert mit der Einführung der Gilden. Im Laufe der Zeit machten die Gilden den Vorschlag, dass die übliche textile Heimproduktion schlechterer Qualität sei, als das von der Gilde vertriebene Gut. Dann wurde nach und nach alles, was Frauen machten, mit diesen Augen gesehen. Schließlich durften sie nicht mehr zu Hause arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Thanhauser hält beeindruckend fest, dass diese Entwicklung in dem Zeitalter stattfand, das wir das Zeitalter der Vernunft nennen!

 

Wenn ich diese Beobachtungen mit meinen Erfahrungen in der Kunstwelt verbinde, dann wundere ich mich nicht mehr, dass die textilen Künste aus dem Kanon der bildenden Künste herausgefallen sind. Es ist auch nicht verwunderlich, dass wir konsequenterweise meinen, die häusliche Sphäre sei nicht als relevant zu betrachten und kein Inhalt für Kunst. Auch liefern sie eine mögliche Antwort darauf, warum wir das Fashion Design über alle Maßen schätzen, nicht aber die Art und Weisen der Herstellung und warum wir dann konsequenterweise den Menschen, die Textilien machen, kaum geneigt sind, ordentlich für diese komplexen Arbeitsgänge zu bezahlen. 

 

Überhaupt finde ich Überlegungen, wie die einzelnen Beobachtungen ein Ganzes ergeben aufregend und anregend zugleich.

 

Eine weitere Beobachtung, die ich mache, ist, dass Frauen glücklicherweise nie wirklich aufgehört haben, gemeinsam zu handarbeiten und ihr Wissen mit der nächsten Generation zu teilen. Meist geschieht es abseits der kollektiven Aufmerksamkeit. Die Freude mit der Hand zu arbeiten und das Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Empowerments ist Kraft, die sich dahinter verbirgt.

 

Heute ist die größte Quelle meiner Recherche über diese Crafts bei den indigenen Völkern zu finden, die nie mit der Ausübung und der Weitergabe dieses oft als rituell wichtigen Herstellen von Kleidern und Schmuckes aufgehört haben.


Stellen Sie sich vor, sie benutzen eine Backstrap Loom. Er besteht nur aus einer Reihe von hölzernen Stöcken und einem Gürtel um die Hüften. Die Kette wird zum Beispiel an einem Baum festgebunden und das andere Ende um Ihre Hüften. Ihr Körpergefühl entscheidet über die Fadenspannung, die, je gleichmäßiger sie aufrechterhalten bleibt, ein gleichmäßig gewebtes Stück Stoff entstehen lässt. Dazu brauchen Sie eine besonderes genaues Körpergefühl. Die kleinste Veränderung Ihrer Haltung wird im Stoff aufgezeichnet.


Stellen Sie sich vor, Ihre Grossmutter zeigt Ihnen, wenn Sie 8 Jahre alt sind, wie Sie Ihre Träume in Mustern aufzeichnen können und wie diese Muster die Designs für die Molas werden, eine Reverse Appliqué Form, die aus Panama stammt. Und dann kleiden Sie sich in Ihren Träumen!


Stellen Sie sich vor, Sie tragen eine Tuch mit langen Fransen und denken sich nichts dabei. Fransen wurden von uns seit der Erfindung der Schnur getragen. Das erste überlieferte Kleidungsstück ist ein Fransenrock. Er wurde ca. 20000 Jahre von jungen Frauen getragen, ein symbolisches Kleidungsstück, dass weder wärmt noch die Scham verdeckt. Archäologen gehen davon aus, dass er Fruchtbarkeit anzeigen sollte, Fruchtbarkeit, die als Formerfindung mit Haar, Schamhaar in Verbindung steht. Fransen entstanden in diesem Sinnzusammenhang.


Mit dem Wissen, wie man eine Schnur zwirnt, d.h. mit dem organisierten Machen von langen und dauerhaften Faserorganisationen über das Verdrehen von ursprünglich kurzen und wenig zusammenhängenden Fasern würde der Alltag einfacher. Dinge konnten miteinander verbunden werden, wie Pfeile an Holz. Sie dienten als Transportmittel und als Netz verknotet zum Fischen. Es war eine revolutionäre Erfindung. Die Flaxpflanze wurde kultiviert.

Wenn Textilien sich besser erhalten würden, wie Steine oder Bronze, würden wir wohl von der Schnurzeit sprechen. Von dort dauerte es noch Jahrhunderte von Jahren, bis das Weben erfunden wurde! Das heißt nicht, dass die Menschheit minderbemittelt war, sondern deutet auf die Komplexität des Konzepts von Kette und Schuss hin.

Wer mehr dazu wissen will, dem lege ich das Buch von Elisabeth Wayland Barber: Women's Work: The First 20,000 Years : Women, Cloth, and Society in Early Times ans Herz.



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