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Das Nähen mit der Hand und das Nähen mit der Nähmaschine

Autorenbild: Carolin Kropff
Carolin Kropff
vor 6 Tagen
6 Min. Lesezeit

Als ich 5 Jahre alt war kam eine Schneiderin zu uns nach Hause und hat im Bügelzimmer an einer Pfaff Tretmaschine meine Sonntagskleider genäht. Ich habe ihr immer gerne zugeschaut, die runtergefallenen Stecknadeln eingesammelt und darüber gestaunt wie diese kleine Frau solche kleidsamen Wunder herbeizaubern konnte. Sie wohnte in einem kleinen Fachwerkhaus in Brilon und hatte einen Buckel. Für mich war sie eine Gestalt aus einer Märchenwelt.


Als ich 15 Jahre alt war, habe ich aus Ermangelung von ausreichendem Taschengeld die roten Vorhänge in meinem Zimmer abgenommen und mir daraus einen Rock mit der Nähmaschine genäht. Wir waren inzwischen umgezogen, hatten kein Bügelzimmer mehr und die Tretmaschine war gegen eine nicht so tolle Haushaltsmaschine ersetzt worden, die es kaum über Jeansnähte geschafft hat.


Damals dachte ich, nähen geht nur mit Maschinen.


Als ich 18 Jahre alt war, habe ich zwei Monate lang gebraucht, um das Nähen mit der Hand zu lernen. Beigebracht hat es mir der Herrenmaßschneidermeister Schmidt aus Wiemeringhausen.

Wir haben in der Werkstatt auch Nähmaschinen benutzt, eine Tretmaschine für Pikierarbeiten mit den Rosshaareinlagen, super schnelle und robuste Industrienähmaschinen, wahrscheinlich eine Adler, und auch eine Maschine zum Versäubern der Stoffränder, eine sogenannte Overlock Maschine.

Die meisten Stiche wurden hingegen mit der Hand ausgeführt, sitzend auf dem Tisch, oder als für einige vorbereitende Stiche stehend davor.


Alle Arbeitsschritte, die nötig sind, um einen Maßanzug zu nähen, haben ihren besonderen Charm und verlangen spezifisches Fertigkeiten. Aber das Nähen mit der Hand gehörte zu meiner Lieblingsbeschäftigung. Die geübte Hand schafft an die 60 Stichen pro Minute.


Es war in diesem hochprofessionellen Umfeld, in dem ich das Nähen mit der Hand kennen- und schätzen gelernt habe. Ich war in der Herrenmaßschneiderei drei Jahre lang Lehrling, habe an vielen hervorragenden Maßanzügen, Cutaways und auch mal an einem Frack mitgearbeitet. Am Ende wurde ich Kreissiegerin, Gesellin und fing in der Herrenschneiderei der Oper der Stadt Dortmund an zu arbeiten.


Es ging weiter über eine Assistenz der Kostümbildnerei zur Kunstakademie Düsseldorf, an der ich 1991 mein Studium der freien Künste begann.



Adam & Eve Journey with Felicity Brown. Foto: Felicity Brown
Adam & Eve Journey with Felicity Brown. Foto: Felicity Brown

Bevor die Nähmaschine erfunden wurde, wurde mit der Hand genäht.


Die Nadel ist mehr als 40.000 Jahre alt. Sie ist eines der ältesten Werkzeuge der Menschheit. Mit ihr wurden dekorative Muscheln und ähnliches auf Leder genäht, und solche Stücke miteinander verbunden. Vor dem Zwirnen wurden Sehnen und Gräten als Faden benutzt.


Mit dem Prozess des Zwirnens konnten Kordeln und Fransen gedreht, Dinge miteinander verbunden, und mit geknoteten Netze Fische gefangen werden. Das Zwirnen von Fasern wie zum Beispiel aus Brennesseln war eine wichtige Entdeckung und Meilenstein in der Kulturgeschichte der Menschheit. Das älteste überlieferte Kleidungsstück ist ein Fransenrock, der circa 20000 Jahre lang von Frauen getragen wurde. Irgendwann entwickelte sich Sprang und das komplexe System des Webens. Es wurde mit der Hand gesponnen, mit der Hand geknotet, gewebt, genäht und gestickt.


Die Nähmaschine wurde über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren von verschiedenen Männer aus Deutschland, England, Österreich, Frankreich und den USA sukzessive entwickelt. Der Amerikaner Elias Howe verbesserte Vorgängermodelle und erfand so eine Nähmaschine, wie wir sie heute noch kennen. Sie arbeitet mit einer Nadel mit dem Ör an ihrer Spitze, einem unter dem Stoff arbeitenden Schiffchens zur Bildung des Steppstichs, also einen Ober- und einen Unterfaden, und einen automatischen Stofftransport. Singer und „Sewing Machine Combination“ verhalf der Nähmaschine schließlich zum Durchbruch. Nähmaschinen wurden nun in Massenproduktion hergestellt. Die Produzenten und Howe wurden reich.


Auch in Frankfurt wurden Nähmaschinen gebaut. Joseph Wertheim gründete 1863 die Deutsche Nähmaschinen Fabrik in Bornheim. Bis 1920 wurden ca. 1,5 Millionen Nähmaschinen hergestellt, die zum größten Teil nach Australien und Südamerika exportiert wurden. Bereits 1863 richtete er in Hanau seine erste Nähmaschinenfabrik ein, wo bis 1865 bereits 1.000 Nähmaschinen produziert wurden.


Die erste Pfaff Nähmaschine wurde 1862 von Georg Michael Pfaff verkauft. Die G.M. Pfaff Nähmaschinen-Fabrik-Singer in Kaiserslautern wurde 1880 gegründete. Dort wurden im Laufe der Zeit sowohl Haushaltsmaschinen als auch Industriemaschinen gebaut.

1999 meldetet das Unternehmen Insolvenz an. Die Sparte Haushaltsnähmaschinen mitsamt den Rechten an der Marke Pfaff ging an das schwedische Unternehmen Husqvarna Viking.

Am 6. März 2013 wurde das Unternehmen an die chinesische SGSB Group Co. Ltd., die auch Eigentümerin des früheren deutschen Pfaff-Konkurrenten Dürkopp Adler GmbH ist, verkauft.

Die US-amerikanische Singer Sourcing Limited LLC verwendet neben ihrer Hauptmarke Singer auch die Marken Pfaff und Husqvarna Viking für ihr Portfolio an Haushaltsnähmaschinen. Maschinen werden in mehreren Ländern Asiens und Lateinamerikas hergestellt.

Stand 2025: Das Unternehmen in Kaiserslautern beschäftigt nach massiven Entlassungen noch 53 Mitarbeiter in Entwicklung, Produktion, Vertrieb und Verwaltung.


Adlernähmasschinen wurde unter dem Namen Koch & Co. ab 1860 in Bielefeld gefertigt. Sie wurde in 1876 zu Dürkopp & Co. 1990 fusionierte das Unternhmen Dürkopp und Adler zur Kochs Adler Nähmaschinen Werke derDürkopp Adler GmbH und stellt Industienähmaschinen her.

Seit 2005 ist auch die Dürkopp Adler GmbH eine Tochtergesellschaft der chinesischen Shang Gong Group Co., Ltd. (SGG), zu der wie gesagt auch Pfaff, die KSL Keilmann Sondermaschinenbau GmbH und chinesische Nähmaschinenmarken wie Butterfly zählen.


Die Bernina Nähmaschine haben ihren Ursprung mit der Erfindung der Holsaum-Nähmaschine 1893 durch den Schweizer Erfinder und Unternehmer Karl Friedrich Gegauf. Heute ist die Bernina International AG ist ein international tätiger Hersteller von Näh- und Stickmaschinen, vor allem Produkte für den Heimnähbereich, Overlock-Maschinen und Compurtersoftwäre für Stickdesigns und ist in Privatbesitz.


Im Atelier habe ich eine Bernina Tretmaschine, eine Adler von meiner Schwiegermutter, eine Pfaff 260 mit später hinzugefügten Motor, ohne Tisch, und eine ziemliche automatisierte Pfaff Creative Expression 750, die hoffentlich lange halten wird.





Wie sah im ausgehenden 19. Jahrhundert die Situation derjenigen aus, die ihren Lebensunterhalt mit dem Nähen von Hand verdient hatten? Und wenn wir in der Zeit weiter zurückgehen, wie von jenen, die vor der Organisation der textilen Handwerke durch Gilden die wesentlichen textilen Erscheinungen, die unser Leben schmücken, erfunden haben?


Es ist nicht einfach, darauf eine Antwort zu finden. Die meisten Aufzeichnungen und Erzählungen über die Menschen, die genäht haben, oder sich mit den anderen Handwerken der textilen Oberflächen und Kleidungsstücken beschäftigt haben, lassen sich erst in der Zeit der Industrialisierung finden, also lange nach der großen Landreform, dem Allmende Raub, und der Organisation dieser Handwerke durch die Gilden.


Die Beschreibungen der Kulturgeschichte, wie wir sie kennen, wurden also aus der Sicht der Zeit der industriellen Revolution erzählt, als die Frauen einen Großteil ihre Arbeitsmöglichkeiten und Rechte bereits verloren hatten oder im Prozess waren, sie zu verlieren.


Wir können in Büchern wie Women´s Work von Elisabeth Wayland Barber vom Zwirnen, Spinnen und Weben lesen und finden eine aussagekrägtige Zusammenfassung in Sofi Thanhausers Buch Worn - A People´s History of Clothing, in dem sie auf die wirtschaftlichen Aspekte der Textilherstellung ausführlich eingeht. Auch in dem Buch The Valkyries’ Loom: The Archaeology of Cloth Production and Female Power in the North Atlantic von Michèle Hayeur Smith lesen wir über Frauen, die bis ins 20. Jahrhundert Stoffe gewebt haben, die als Währung galten. In der Einleitung heisst es: ....vielmehr befasst es (das Buch) sich mit der Sozialarchäologie von Textilien und mit Textilien als einer Form der materiellen Kultur, die Informationen über die Gesellschaften enthält, die sie hergestellt haben. Textilien sind wie „Text“ (woher der Begriff auch stammt) und erzählen eine Geschichte von Nöten und Erfolgen und vor allem vom Leben der Frauen, die sie hergestellt haben.


Historikerinnen wie Merry Wiesner-Hanks und Martha Howell davon aus, dass eine stärke Verdrängung von Frauen aus dem Zunfthandwerk im 15. und 16. Jahrhundert stattfand. Wir wissen zum Beispiel aufgrund von Briefen aus dem altassyrischen Assur, dass Frauen Textilien für den Fernhandel herstellten, dafür Geld erhielten, wirtschaftlich eigenständig waren und Mitsprache hatten.


Im 19. Jahrhundert war es nur den mittellosen und unverheirateten Frauen erlaubt zu arbeiten, entweder in den sich etablierenden Webereien oder als Näherinnen. Was wiederum darauf hindeutet, dass Frauen diesem Berufsumfeld immer professionell nahestanden, was die oben genannten Bücher ebenfalls nahelegen.


Wir wissen auch, dass die ersten Industrien sich um die Weberei herum gegründet haben. Die wirtschaftliche Einflüsse und Auswirkungen der Herstellungen von Textilien und wie die Herstellungsweisen unser soziales Zusammenleben geprägt haben und welche Rolle sie bei der Nutzung natürlicher Ressourcen spielten, ist fraglos enorm. Die Textilen Künste waren ebenfalls längst aus dem Kanon der Künste verdrängt worden.




Die Nähmaschine übernahm dann viele der Aufträge, die den armen Familien zuvor ein, wenn auch kärgliches, Auskommen, eingebracht hatten. Manche Frauen mieteten sich eine Maschine oder gerieten in eine Schuldenfalle bei der Anschaffung einer solchen. Der selbständige Arbeitsplatz wurde schließlich ein Arbeitsplatz in einer Fabrik.


Wie dem auch sei, den Weben und Schneidern haftete eine Vorstellung von Mangel an besseren Alternativen an, wurde und wird mit Armut verknüpft und wenig geachtet.


Herein wenn es kein Schneider ist`, war ein Spruch, über den ich mir damals den Kopf zerbrochen habe, als ich nach dem Abitur meine Scheiderausbildung begann. Ich habe nur sehr wenig Entlohnung bekommen, im dritten Gesellenjahr kaum mehr als im 1., und hatte Anspruch auf ganze drei Wochen Urlaub im Jahr! Die Wohnung konnte ich mir ohne die Hilfe meiner Mutter nicht leisten, auch nicht die Lebensmittel die ich zum Leben brauchte.


In der Kunstakademie verschwanden das Nähen, ganz im Zeichen der Zeit, als gestalterische Praxis aus meinem Umfeld. Durch einen glücklichen Zufall und viele Jahre später in Dubai konnte ich es, und vor allem das Nähen mit der Hand wiederentdecken. Seitdem recherchiere ich über die unzähligen und wunderbaren handwerklichen Methoden mit Fasern und Stoffen, lasse mich von ihnen für meine künstlerische Praxis inspirieren und gebe mein Wissen an andere weiter.

 
 
 

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