The Power Of Quilting
- 29. Sept. 2023
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Apr.

The Power of Quilting fand im Rahmen der Projektwoche an der Helmholzschule und auf Einladung der Heussenstamm Stiftung im Juli 2023 in Frankfurt statt. Zusammen mit zwölf Schülerinnen und Schülern der 9. und 10. Klasse und mit der großartigen Unterstützung der Kunstlehrerin Frau Baumung, haben sie sich mit den selten genutzten Möglichkeiten vertraut gemacht, die textile Handwerksmethoden aus aller Welt bieten. Insbesondere ging es um die gestalterischen und künstlerischen Qualitäten von Patchwork und Quilten.
Es liegt mir am Herzen, dieses unterrepräsentierte Wissen weiterzugeben. Durch das Erlernen überlieferter Handwerksmethoden können wir an den unzähligen Erfahrungen vieler Hände im Umgang mit Fasern und Textilien teilnehmen. Für mich sind sie wie eine Schatztruhe kollektiven Wissens, das bis zu unseren Anfängen zurückreicht. Frauen sind die Protagonistinnen dieser kaum erzählten Geschichte.


Ich begann mit dem Vorstellen der fantastischen Quilts von Gee's Bend, den Frauen, die sie nähen und der unglaublichen Rosie Lee Tompkins mit ihren improvisierten Quilts. Wie werden sie hergestellt, was zeichnet sie aus, und was kann ich mit Nadel und Faden und den gebrauchten Stoffen machen, die sich auf dem Tisch türmten? Wir verzichteten auf Nähmaschinen und nähten mit der Hand. Es ist ein persönlicher, langsamer und kreativer Prozess, der in Gemeinschaft mit anderen eine kreative Freude bereithält.
Erst nähten die Schülerinnen und Schüler einen Nähring aus Leder und lernten, wie der Quilter Knoten gemacht wird. Dann schnitten sie je vier kleine Rechtecke zu, die in genauer Abfolge aneinandergenäht wurden. So entstand ein skulpturale Form, ein Jonglierball, der den Mädchen und Jungen auch als Nadelkissen diente. Das nahm den ersten Tag in Anspruch. Bis Donnerstag wurden dann zwölf individuelle Patchworkblöcke genäht, die an einer selbstgemachten Kordel präsentierten wurden. Die entspannte Konzentration im Raum war stets spürbar, die Ergebnisse für den geschulten Blick erstaunlich. Einige Blöcke wurden mit figurativen Applikationen versehen, andere nutzten abstrakte Reverse-Appliqué und Stickerei. Andere integrierten transparente Stoffe wie Spitze, aber auch Samt, Polyester und vorhandene Stoffmuster. Eine Schülerin überfärbte die Stoffe und machte sie sich so zu eigen. Eine andere übersäte ihren Block mit zahllosen monochromen Stichen und legte den Schwerpunkt auf das Quilten selbst.









Die Materialität und die Geschichte der Stoffe macht Textilkunst zu einer besonderen Kunstform, die sich an der Schnittstelle von Malerei, Skulptur und Handwerk bewegt. Wie immer beim Bildermachen spielte Farbe eine große Rolle, ebenso wie Komposition und Haptik. Dazu kommt ihr Aspekt des kollaborativen und fürsorglichen Schaffens.
Das Material steht in einem kulturgeschichtlichen, ökonomischen und gesellschaftlichen Kontext. Ich möchte gern mehr dazu schreiben.
Das Herstellen von Textilien gehört zu den ersten Erfindungen der Menschheit. Warum aber ist es üblich, die textile Handarbeit zu unterschätzen und die Arbeit der Menschen in den Baumwollplantagen, den Webereien und an der Nähmaschine kaum zu entlohnen? Warum spielt Textilkunst erst seit wenigen Jahren im westlichen, zeitgenössischen Kunstverständnis wieder eine Rolle?
Stoffe halten sich nicht ewig und wurden dementsprechend selten überliefert.
Mit den ersten Kordeln konnten Netze zum Fischen geknüpft, Dinge transportiert und Pfeile zusammengebunden werden. Es war eine bahnbrechende Entdeckung. Das älteste überlieferte Kleidungsstück aus Fasern ist ein Fransenrock. Er wärmte nicht, noch bedeckte er den Körper und wurde etwa 20000 Jahre lang von Frauen in einem bestimmten Lebensabschnitt getragen. Es ist ein bedeutsames Stück und zeugt davon, dass Textilien auch von symbolischer Natur sind. In der Schule lernen wir in der Regel nichts über die seltenen textilen Funde, ihre kulturgeschichtliche Bedeutung und auch nicht über ihre Herstellungsweisen.
Die Textilgeschichte ist komplex und erzählt von unendlichen wunderschönen gestalterischen Erfindungen, von sozialen Miteinander und auch von Gewalt und Ausbeutung nicht nur von der Natur sondern auch von Menschen. Textilien sind es, in und mit denen wir leben. Es ist ein riesiger Markt.
Kriege wurden geführt, um Zugriff auf Alaun zu sichern, das zum Färben verwendet wird. Rote Seide war so teuer wie Gold, und wer sie als einfacher Mensch besaß, wurde im Mittelalter mit dem Tod bestraft. Noch heute sitzt der Lordkanzler des House of Lords auf einem Wollsack, der als Symbol für die zentrale Rolle und Bedeutung des Wollhandels für die Wirtschaft Englands im Mittelalter entstand.
Mit der Einführung der Gilden etwa in der gleichen Zeit die in den Häusern hergestellten Textilien mehr und mehr abgewertet, und schließlich die Arbeit der Frauen im Allgemeinen. Denn Frauen waren es, die bis dahin zu Hause die textile Produktion vorangetrieben haben. Schließlich wurden die Frauen selbst entmündigt und verloren alle Möglichkeiten, eigenständig zu wirtschaften. Den Frauen aus wohlhabenden Häusern blieb ihnen nur das Sticken für den persönlichen Gebrauch. Die armen unverheirateten Frauen wurden in die sich etablierenden Webereien für wenig Lohn angestellt oder zur Prostitution gezwungen.
Wir nennen diesen Zeitraum das Zeitalter der Vernunft. Die Archäologie übersah die wenigen textilen Funde. [1]
Die Versklavung von Menschen aus Afrika und Südamerika für den arbeitsintensiven Baumwollanbau in der Neuen Welt muss im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Potenzial der Textilherstellung gesehen werden, sowie die imperialistischen Aktivitäten der East India Company (1600 bis 1874!), die mit eigener Armee die einst wohlhabenden indischen Weber in die Armut getrieben haben. Das Spinnrad wurde nicht ohne Grund das Symbol der indischen Unabhänigikeitsbewegung unter Mahatma Gandhi.
Die Geschichte der Kleidung, wie sie treffend von Sofi Thanhauser in ihrem Buch „Worn“ zusammengefasst zu lesen ist, ist eine erhellende und spannende Lektüre.
Es ist ein falsches Narrativ, dem wir unwissend und unkritisch zustimmen. Frauen haben Kulturgeschichte geschrieben, angefangen von den ersten gezwirnten Kordeln bis zu den der Natur nachempfunden schmuckhaften Stickereien der Mantillas mit den langen Fransen, die ihren Weg von China, über die Philippinen und Mexiko nach Sevilla in Spanien gefunden haben, der Bänderborten (Ribbonwork) der Osage (schaut euch mal ihre Hochzeitstracht an), den indigogefärbten Kimonos aus Japan, den feinen geklöppelten Spitzen aus Belgien, den unbeschreiblich vielfältigen Erfindungen des Patchworks … .
Heute konsumieren wir Textilien im Übermaß und entsorgen den kleinsten Fleck. Da ist es nur konsequent, unseren Kindern nicht mehr die Option zu geben, ihre Kleidung selbst nähen zu können, ganz zu schweigen vom Spinnen, Weben, Kordelmachen, Sprang undsofort. Wir finden es unwichtig und haben es selbst aus den Augen verloren. Daran möchte ich etwas ändern.
Art is a language that speaks from heart to heart and mind to mind.
Alan Moore
Sobald ich mich hinsetze und die Nadel in die Hand nehme, freue ich mich darauf, in Ruhe anschmiegsame Dinge zu gestalten. Diese anschmiegsamen und berührenden Dinge, die in überbordender Vielfalt gestaltet wurden und immer noch werden, sind intim und persönlich.
Die Nadel im Zusammenspiel mit dem Faden ist einen lebendiges Werkzeug der Kommunikation. Nützliches und Schönes wird geschaffen. Wertschätzen wir dieses unaufällige Werkzeug, erkennen wir nicht nur die enorme Leistung an, die Frauen erbracht haben, sondern können auch stolz darauf verweisen. Wir können sie selbst nutzen, um uns kreativ auszudrücken. Wir können das Know-How mit unseren Kindern teilen, und die Kinder mit ihren Kindern.
Quilts sind aus menschlichen Bedingungen geboren worden, aus der Notwendigkeit mit dem auszukommen, was da ist, dem Nutzen, der Freude an schönen Dingen, dem Miteinander und dem Bedürfnis nach Verbundenheit, nach Sinngebung und kreativer Freude. Die Frauen von Gee's Bend und Rosie Lee Tompkins zeichnen davon ein lebendiges Bild.









Es war eine intensive Woche. Ich bedanke mich herzlich für die Gelegenheit, für das großartige Engagement der Schülerinnen und Schüler, die Unterstützung der Schule, bei Frau Baumung und der Heussenstamm Stiftung!
Carolin Kropff,
August 2023
Editiert im April 2026



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